
(Bericht geschrieben von Marcel Suri)
(Bilder vom Vilaça-Training könnt ihr hier anschauen)
Vom 27. Juni 2008 bis 29. Juni 2008 fand im Budokan Thun das Karateseminar mit Vilaça Sensei statt. Bei heissem Sommerwetter nahmen ungefähr 40 Teilnehmer vom JSKA Switzerland am Seminar teil. Jeden Tag war ein Training angesagt. Das erste Training war am Freitagabend und wurde von Sensei Hans Müller, 6. Dan gesponsert. Die anderen beiden Trainings waren am Samstag, respektive Sonntagnachmittag und dauerten je 3 Stunden. Während den drei Tagen konnten die Teilnehmer mehr über die Karatetechniken und über Budo erfahren.
Vilaça Sensei, 7. Dan kommt aus Portugal und ist dort ein Pionier des Shotokan Karatestils. Während seinen Aufenthalten in Japan bei der JKA in den 70er und 80er Jahren hatte er bei den grössten Meistern in Japan trainiert. Seine Lehrer waren unter anderen Sensei Masatoshi Nakayama und Sensei Keigo Abe, Chefinstruktor JSKA. Sensei Masatoshi Nakayama war Schüler vom grossen Meister Gichin Funakoshi, dem Begründer des Shotokan Karatestils.
1. Training
Am Freitag zwischen 19:00 und 20:15 hatte uns Vilaça Sensei die Kata Hangetsu trainiert. Hangetsu bedeutet Halbmond und bezieht sich auf die halbmondförmigen Schrittbewegungen. Heute ist dies auch der Name der Stellung, Hangetsu-dachi. Hangetsu ist eine Kata mit ausgeprägter Atmung, die auf die einzelnen Bewegungen abgestimmt ist.
Vilaça Sensei hat uns die Kata in einzelnen Teilen trainiert. Als erstes haben wir die Armbewegungen und die darauf abgestimmte Atmung geübt. Bei der Atmung ist es wichtig, dass nie ganz ein- und ausgeatmet wird. Wenn die Einatmung mehr als 80% ist, werden durch die zu grosse Füllung der Lunge die Schultern gehoben. Umgekehrt sackt der Oberkörper durch eine Ausatmung von über 80% in sich zusammen und die korrekte Haltung geht verloren. Bei den Atemübungen war zu Erfahrungszwecken erlaubt sichtbar, respektive hörbar zu atmen. Im Normalfall muss die Atmung für die anderen immer unsichtbar und folglich auch nicht hörbar sein. So ist es für den Gegner unmöglich seinen vernichtenden Angriff zeitlich auf den Atem des Gegenübers abzustimmen.
Nach dem Training der Armbewegungen befassten wir uns mit der Stellung Hangetsu-dachi. Für die meisten Kyu-Grade war diese Stellung neu. Mit den detaillierten Erklärungen und fortlaufenden Korrekturen von Sensei Vilaça konnten auch sie die neue Stellung verstehen und in Erfahrung bringen. Eine Stellung beginnt immer im Kopf und endet bei den Füssen. Die Stellung muss zuerst Verstanden werden, denn das Gehirn ist die Steuerzentrale unseres Körpers. In einem weiteren Schritt gilt es die Oberkörperhaltung zu beachten, weiter die Hüftposition, die Beinstellung mit der Gewichtsverteilung, die Knieposition und schlussendlich die Stellung der Füsse. Beim Hangetsu-dachi ist es wichtig, dass die Knie nach innen gedrückt werden. Die Distanz zwischen den Füssen ist kürzer als beim Zenkutsu-dachi, so dass das Gewicht auf beide Füsse gleich verteilt ist. Wichtig bei der Schrittbewegung ist es mit den Augen einen Punkt zu fixieren, so dass der Oberkörper während dem Halbmondschritt ruhig bleibt und der Blick in die Bewegungsrichtung ist. Auch während der Bewegung müssen die Füsse möglichst immer am Boden bleiben. Die Zehen dürfen niemals gehoben werden, da sonst der ganze Körper instabil wird.
Hangetsu ist die Tokui Kata von Vilaça Sensei. Er übt die Kata seit ca. 10 Jahren. Vorher hat er diese Kata überhaupt nicht gerne gemacht. Sachen die wir gerne machen erscheinen uns einfach. Etwas Neues tun, fällt uns schwer. Mit Training geht uns das Neue jedoch immer leichter von der Hand. Wenn wir etwas Neues tun, werden die für dieses Tun zuständigen Hirnzellen aktiviert. Diese Hirnzellen sind jedoch noch nicht miteinander verbunden (fehlende Synopsen). Deshalb können sie miteinander nicht kommunizieren und für uns erscheint das Neue schwer. Bei jedem weiteren Training werden die zuständigen Hirnzellen stärker miteinander vernetzt und können deshalb immer besser zusammenarbeiten. Nach langem Training sind die Vernetzungen zwischen den für das Neue zuständigen Hirnzellen vollständig und stabil hergestellt und wir sind in der Lage das Neue ohne Schwierigkeiten zu bewältigen (=Gewohnheit).
Vilaça Sensei erklärt uns der Unterschied zwischen Kumite und Kata. Beides ist sehr wichtig. Nakayama formulierte: „Kata und Kumite sind wie die zwei Räder eines Karrens“. Die Kata zwingt einem dazu den Geist und Körper an festgelegte Formen anzupassen. Vilaça Sensei machte den Vergleich mit Wasser, das sich jeder Form anpasst. Im Gegensatz ist man im Kumite frei und muss nur sehr wenige Regeln beachten. Kumite ist vor allem für die Entwicklung der Kinder sehr wichtig. Vielfach besteht jedoch die Angst, sich während des Kampfes verletzen zu können. Bewusste Angst beeinflusst unser Handeln und Denken und raubt uns die Freiheit und zwingt uns zur Flucht. Die absolute Kontrolle des Geistes kann nur durch Freiheit oder Loslösung desselben von allen weltlichen Dingen bestehen. Die Überwindung der eigenen Ängste ist das Essentielle einer Kampfkunstphilosophie. In diesem Fall kann der Geist in jeder Situation frei reagieren und wird nicht durch innere Zustände zu einer falschen Sicht der Wirklichkeit verleitet, was einer Niederlage gleichkäme. Das Kumite ist ein sehr gutes Training um Ängste abzubauen.
2. Training
Am Samstag trainierten wir 3 Stunden Kumite. Das Kumite-Training ist die Vorbereitung auf den späteren Kampf. Die Bewegungen soll im Gedächtnis gespeichert werden, um auf möglichst viele „Fragen“ eine „Antwort“ zu haben. Für das Training der Bewegungsabläufe ist es wichtig, die Bewegungen langsam und möglichst Perfekt zu machen. Für dies ist nicht volle Kraft und Geschwindigkeit notwendig. So ist es möglich für längere Trainings seine eigenen Kräfte einzuteilen.
Ein ganz wichtiger Punkt im Kumite ist es, ganze Bewegungen auszuführen, also die Bewegung zu Ende zu führen. Vilaça Sensei vergleichte den Oi-Tsuki mit einem Ping-Pong Ball. Dieser kommt auch erst zurück, nachdem er auf den Widerstand aufgeprallt ist. So darf auch beim Oi-Tsuki die Faust erst zurückgezogen werden, wenn das Ziel erreicht war.
Die resultierende Kraft eines Oi-Tsuki addiert sich aus verschiedenen Kräften. Angefangen mit der Kraft aus dem hinteren, abstossenden Bein, über die ausgelöste Kraft durch das eindrehen der Hüfte über die kinetische Kraft der Faust, erzeugt durch die Geschwindigkeit bis zur Muskelspannung während dem Kime. Um all diese Kraft bei einem Tsuki nicht mit dem vorderen Bein vorzeitig zu bremsen, muss die Faust kurz (ca. 1 Sekunde) vor dem Belasten des vorderen Fusses das Ziel erreichen.
Während der Bewegung ist wichtig den Blick auf einen Punkt zu fixieren und sich auf seine Hara, also auf seinen Energiemittelpunkt zu konzentrieren um die Haltung nicht zu verlieren. Wichtig ist, dass der Schwerpunkt tief liegt um eine gute Stabilität zu erreichen. Dies betrifft vor allem grosse Menschen mit langen Beinen, die besonders tief stehen müssen. Bei den Techniken wie auch bei der Bewegung zwischen den einzelnen Techniken ist immer für einen tiefen Schwerpunkt zu sorgen.
In einem weiteren Trainingsteil haben wir Fusstechniken geübt. Vilaça Sensei erklärte uns Ren-geri. Ren-geri ist eine fliessende Bewegung von auf einander folgenden Fusstechniken. Es wird also nicht nach jeder Fusstechnik gestoppt und für die neue vorbereitet. Die Vorbereitung der Nachfolgetechnik erfolgt bereits während der Ausführung der aktuellen Fusstechnik. Wir haben verschiedene Kombinationen von Mae-geri, Yoko-geri, Mawashi-geri, Ushiro-geri und Mikazuki-geri geübt. Beim Mawashi-geri, wie auch beim Yoko-geri ist es sehr wichtig, dass die Zehen des schlagenden Fusses am Schluss tiefer sind als die Ferse.
Wie es eine Tokui-Kata gibt, gibt es im Kumite eine Tokui-Waza. Tokui bedeutet übersetzt starke Seite oder Stärke. Die gewählte Tokui-Waza (eigene starke Technik) wird geübt und dient für den „nuklearen“ Angriff. Die Anwendung der Tokui-Waza im Kumite ist in drei Phasen unterteilt. Als erstes wird eine vorbereitende Technik angewendet. Wie der Name schon sagt dient diese Technik dazu die ideale Ausgangsposition zu erlangen, um seine Tokui Technik anzuwenden. Die vorbereitende Technik zielt vielfach auf den Kopf, Augen, da der Mensch eine natürliche zurückziehende Haltung einnimmt, wenn etwas auf den Kopf zu fliegt. Sensei Vilaça erklärte das Beispiel anhand der natürlichen Reaktion, wenn ein grösseres Insekt von vorne auf den Kopf zu fliegt. Nach der vorbereitenden Technik wird die Tokui Technik angewendet, die den Gegner „vernichten“ sollte, im Kampf ein Ippon. Auch dem besten Kämpfer passiert es, dass die angewandte Tokui-Technik nicht das erwartet Resultat erzielt. In diesem Fall ist es sehr wichtig eine Nachtechnik bereit zu halten. Mit der Nachtechnik hat man die letzte Chance den Kampf für sich zu entscheiden.
3. Training
Das Sonntagstraining bildete den Abschluss des Karate-Seminars mit Vilaça Sensei. Etwas aussergewöhnlich waren die Dan-Prüfungen vor dem Training, da am Abend das EM-Fussballfinal angesagt war. Das Training dauerte wie am Samstag 3 Stunden, von 15:00 bis 18:00.
Die erste Stunde zeigte uns Vilaça Selbstverteidigungstechniken. Wir lernten Angriffe von Hinten und auf den Hals abzuwehren. Falls uns der Angreifer festhält, sollten Schlagtechniken wenn möglich immer vor der Befreiungstechnik eingesetzt werden, nicht umgekehrt. So muss es sich bei der Kata Heian Shodan vor dem Hammerschlag (Tettsui) nicht unbedingt um eine Befreiungstechnik handeln, sondern um das schnelle Wegziehen des Armes bevor der Gegner diesen packen kann. Nicht festgehalten sein ist immer die bessere Ausgangslage für eine Selbstverteidigung.
Vilaça Sensei trainierte uns verschiedene Wurftechniken und wir konnten erfahren, wie wichtig ein guter Stand mit tiefem Schwerpunkt und die richtige Bewegung der Hüfte ist.
Sobald wir mehr als ein Angreifer abwehren müssen, ist die Wurftechnik nicht mehr effektiv, da alle Hände und Füsse für einen Gegner eingesetzt werden. In diesem Fall gilt es direkt schlagende Karatetechniken einzusetzen, um möglichst rasch ein Angreifer nach dem anderen ausser Gefecht zu setzen.
Bei der Selbstverteidigung haben wir immer zwei Chancen. Die erste Chance ist dem Gegner auszuweichen, also z,B die Strassenseite zu wechseln und damit einen Konflikt vermeiden.
Unsere zweite Chance ist Karate und Selbstverteidigungstechniken anzuwenden. Dabei dürfen nicht daran denken was nachher passiert. Sensei Vilaça antwortet „that’s after“. Unser Handeln darf in diesem Moment nicht durch negative Gedanken in die Zukunft, also durch Angst, beeinflusst und verfälscht werden.
Als Karateka versuchen wir mit unserem Zanshin (innere Wachsamkeit und Konzentration) Konflikte zu vermeiden. Ein fortgeschrittener Kampfkünstler kann durch unermüdliches Üben seines Zanshin Dinge erkennen, für deren Wahrnehmung selbst die Aufmerksamkeit eines geübten Geistes nicht ausreicht. Durch die gesteigerte Sensibilität kann er Wesentliches von Unwesentlichem in Sekundenbruchteilen unterscheiden. Die Fähigkeit unsichtbares zu sehen und unhörbares zu hören ist nichts Übernatürliches, sondern ein mögliches Ziel in der Übung des Budo. Eine erste Bedingung ist das Erreichen einer allgemein guten Konzentration bei allen Handlungen im Alltag.
Im zweiten Trainingsteil von ca. 16:00 bis 17:00 erklärte er uns mehrere wichtige Details von verschiedenen Katas. Vorallem wichtige Teile aus den Katas Heian Godan, Heian Sandan und Bassai Dai übten wir intensiv. Dabei ging es vor allem um die Haltung und die Stellungen. Sehr wichtig sind tiefe Stellungen und auch während der Bewegung tief bleiben und ein aufrechter Oberkörper zu halten.
In der letzten Stunde übten wir die Kata Sochin. Diese Kata hat ihren Namen nach der Stellung Sochin-dachi oder auch Fudo-dachi genannt. Sochin-dachi ist eine Kombination aus Zenkutsu-dachi und Kiba-dachi, die Knie werden nach aussen gedrückt. Sochin-dachi ist eine sehr starke Stellung, vergleichbar mit den tiefen Wurzeln eines Baumes. Dies ist unter anderem eine Stellung, die wie auch ein paar andere, im Kihon sehr wenig geübt wird. Darum war es sehr schwierig diese Stellung während der ganzen Kata zu halten. Bevor wir die Details der Stellung und die einzelnen Teile der Bewegungen trainierten, haben wir wiederum die Armbewegungen geübt. Am Schluss setzten wir alle Teile zur Kata zusammen und führten die ganze Kata zwei-, dreimal aus.
Zwischen den einzelnen Trainingsteilen gab es immer wieder kurze Pausen zur Abkühlung und um etwas zu trinken. Nach dem Training war der Gi jeweils durch und durch nass. Der Körper war müde und der Geist ganz klar.
Budo bedeutet repetieren und perfektionieren. Karate ist nie fertig und wir lernen immer wieder Neues. Für die Perfektion braucht es auf dem eigenen Weg oft Härte mit sich selbst und Ausdauer. Die Perfektion dauert ein ganzes Leben bis zum Tod. Auch Gichin Funakoshi (1868-1957) hätte heute noch etwas zu perfektionieren und Neues zu lernen, wenn er noch leben würde.
Bei jedem Karate-Training ist es wichtig mit leerem Koffer ins Training zu kommen und mit vollem Koffer nach Hause zu gehen.
Das Seminar haben wir Sensei Hans Müller durch seine guten Beziehungen in Europa und zu den grossen Meistern des Karate-Do zu verdanken. Wir danken Sensei Hans Müller für die Organisation des Seminars. Sensei Hans hat während allen Trainings Sensei Vilaça unterstützt und fortlaufend von englisch auf schweizerdeutsch übersetzt.
Wir danken Sensei Vilaça Pinto für das interessante, spannende Karate-Seminar. Wer mit leerem Koffer gekommen ist, hat wahrscheinlich ein zu kleiner Koffer gehabt um alles rein zupacken. Also kauft für das nächste Seminar einen grösseren Koffer. Vilaça Sensei wird voraussichtlich nächstes Jahr wieder bei uns sein.
Oss!
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